Wer heute nach Vukovar kommt, sieht ihn schon aus der Entfernung.
Den Vukovarski vodotoranj.
Eigentlich ist er nur ein Wasserturm.
Ein technisches Bauwerk aus den 1960er-Jahren, errichtet zur Versorgung einer wachsenden Stadt.
Doch 1991 änderte sich seine Bedeutung vollständig.
Der Turm wurde während der Kämpfe um Vukovar immer wieder getroffen.
Seine Fassade wurde durchlöchert.
Teile seiner Konstruktion wurden schwer beschädigt.
Und trotzdem blieb er stehen.
Auf seiner Spitze wehte weiterhin die kroatische Flagge.
Heute ist der Wasserturm deshalb eines der bekanntesten Symbole des kroatischen Unabhängigkeitskrieges und offiziell ein Memorial des Domovinski rat sowie ein Symbol kroatischer Zusammengehörigkeit.
Aber wie wurde ausgerechnet ein Wasserturm zu einem Symbol für ein ganzes Land?
Eigentlich sollte er nur Vukovar mit Wasser versorgen
Der Vukovarer Wasserturm wurde lange vor dem Krieg gebaut.
Die Arbeiten begannen 1963 und dauerten bis 1968.
Der Turm ist 50,33 Meter hoch und wurde in einem Gebiet errichtet, das als „Najpar bašća“ bekannt war.
Entworfen wurde er von den Architekten Petar Kušan und Sergej Kolobov, auf Grundlage einer Projektidee von Alexander Rose für den Ausbau des Wasserversorgungssystems von Vukovar.
Damals war der Turm vor allem eines:
Infrastruktur.
Er sollte die Wasserversorgung der Stadt sicherstellen.
Dass dieses Bauwerk Jahrzehnte später einmal zu einem der bekanntesten Wahrzeichen Kroatiens werden würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.
Dann kam das Jahr 1991
Im Sommer 1991 eskalierte der Krieg in Kroatien.
Vukovar wurde zu einem der wichtigsten und zugleich verheerendsten Schauplätze.
Die eigentliche Schlacht um die Stadt begann nach Angaben der kroatischen Polizei am 25. August 1991.
Rund 1.800 Verteidiger hielten in Vukovar fast drei Monate lang Widerstand.
Am 18. November 1991 brach die Verteidigung der weitgehend zerstörten Stadt endgültig zusammen.
Vukovar wurde dabei massiv zerstört.
Wohnhäuser.
Schulen.
Krankenhausbereiche.
Industrieanlagen.
Straßen.
Kirchen.
Und mitten in dieser zerstörten Stadt stand weiterhin der Wasserturm.
640 direkte Treffer
Die Zahl ist heute Bestandteil seiner Geschichte:
640 direkte Treffer.
So viele Einschläge wurden am Vukovarer Wasserturm dokumentiert.
Eine historische Darstellung der Gedenkstätte spricht darüber hinaus von mehr als 900 auf den Turm abgefeuerten Geschossen, aus denen 640 sichtbare „Kriegswunden“ resultierten.
Wenn man den Turm heute betrachtet, versteht man sofort, warum diese Zahl so eindrücklich ist.
Die Oberfläche ist übersät mit Einschussstellen und herausgebrochenem Beton.
Doch die Konstruktion stürzte nicht ein.
Und genau daraus entstand bereits während der Kämpfe eine besondere Symbolik.
Je stärker Vukovar zerstört wurde, desto stärker wurde der noch stehende Turm zu einem sichtbaren Zeichen dafür, dass die Stadt noch nicht vollständig gebrochen war.
Die kroatische Flagge auf dem Wasserturm
Ein Detail ist für die Geschichte des Turms besonders wichtig.
Auf seiner Spitze wehte während der Kämpfe eine kroatische Flagge.
Doch natürlich blieb diese bei den Angriffen nicht unbeschädigt.
Hier kommen zwei Namen ins Spiel:
Hrvoje Džalto und Ivica Ivanika.
Die beiden Vukovarer Verteidiger wechselten sich nach Angaben der offiziellen Gedenkstätte dabei ab, nachts auf den beschädigten Turm zu steigen und eine neue, unversehrte kroatische Flagge aufzuhängen.
Am nächsten Morgen war sie wieder über der Stadt sichtbar.
Man kann sich vorstellen, welche Wirkung das gehabt haben muss.
Eine Stadt wird bombardiert.
Gebäude verschwinden.
Der Wasserturm wird immer wieder getroffen.
Und am nächsten Morgen hängt oben trotzdem wieder die Flagge.
Aus einem technischen Bauwerk wurde damit bereits während des Krieges ein Symbol des Widerstands.
Warum gerade der Wasserturm?
Vukovar besitzt viele Orte, die heute an das Jahr 1991 erinnern.
Das Krankenhaus.
Ovčara.
Die Trpinjska cesta.
Das Memorialfriedhof.
Und zahlreiche weitere Orte.
Der Wasserturm besitzt jedoch eine Besonderheit:
Er war sichtbar.
Von weiten Teilen der Stadt.
Und auch auf Bildern und Fernsehaufnahmen.
Die Silhouette des schwer beschädigten Turms wurde dadurch immer stärker mit dem zerstörten Vukovar verbunden.
Viele Menschen, die nie selbst in der Stadt gewesen waren, erkannten Vukovar irgendwann allein anhand dieses Bauwerks.
Der Turm wurde gewissermaßen zu einem visuellen Stellvertreter für die Stadt.
Der Turm blieb jahrzehntelang verwundet
Nach dem Krieg stellte sich irgendwann zwangsläufig die Frage:
Was macht man mit diesem Bauwerk?
Man hätte den Wasserturm vollständig renovieren können.
Neuer Beton.
Neue Fassade.
Alle Schäden verschwinden lassen.
Technisch wäre daraus irgendwann wieder ein fast normal aussehender Turm geworden.
Genau das wollte man jedoch nicht.
Denn dann wäre auch ein wesentlicher Teil seiner Geschichte verschwunden.
Bei den Planungen wurde deshalb entschieden, den Turm grundsätzlich in seinem beschädigten Erscheinungsbild zu bewahren und nur die notwendigen Eingriffe zur Stabilisierung und Nutzung vorzunehmen.
Die Stadt Vukovar erklärte bereits während der Projektplanung, der Wasserturm solle konserviert werden und seinen visuellen Kriegszustand weitgehend behalten. Gleichzeitig sollte das Innere künftig für Besucher zugänglich werden.
Diese Entscheidung macht den heutigen Wasserturm so besonders.
Er wurde erneuert.
Aber seine Narben wurden nicht versteckt.
2016 beginnt die große Wiederherstellung
Im Jahr 2016 startete auf Initiative der Stadt Vukovar die Spendenaktion:
„Vukovarski vodotoranj – simbol hrvatskog zajedništva“
also:
„Vukovarer Wasserturm – Symbol kroatischer Zusammengehörigkeit“.
Menschen aus Kroatien und aus der kroatischen Diaspora beteiligten sich an der Finanzierung.
Nach Angaben der Stadt kamen dabei rund 18,5 Millionen Kuna an Spenden zusammen.
Die kroatische Regierung stellte nochmals ungefähr denselben Betrag zur Verfügung.
Allein diese Spendenaktion verstärkte die Symbolik des Projekts noch einmal.
Denn der Wiederaufbau wurde nicht nur ein Projekt der Stadt Vukovar.
Menschen aus verschiedenen Teilen Kroatiens und aus dem Ausland beteiligten sich daran.
Genau deshalb wurde zunehmend vom „simbol hrvatskog zajedništva“ – Symbol kroatischer Zusammengehörigkeit gesprochen.
Restaurieren – ohne die Geschichte wegzurestaurieren
Die technische Aufgabe war kompliziert.
Die beschädigte Stahlbetonkonstruktion musste gereinigt, gesichert und verstärkt werden.
Im Inneren wurden neue Stahlkonstruktionen eingebaut.
Hinzu kamen unter anderem:
eine neue Besucherplattform,
Treppen,
ein Panoramaaufzug,
eine Memorialstrecke
und weitere Besuchereinrichtungen.
Gleichzeitig blieben die charakteristischen Schäden der Außenhülle sichtbar.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu einer normalen Renovierung.
Der Wasserturm sollte nach seiner Wiederherstellung nicht aussehen wie vor 1991.
Seine Geschichte sollte weiterhin von außen erkennbar sein.
Die Einschläge sind deshalb heute keine Schäden, die man vergessen hat zu reparieren.
Sie sind bewusst erhaltene Bestandteile des Denkmals.
Selbst das Logo besteht aus den Einschlägen
Wie konsequent diese Idee umgesetzt wurde, sieht man sogar am heutigen visuellen Erscheinungsbild des Wasserturms.
Für die Entwicklung des Logos wurden die 640 direkten Treffer aufgegriffen.
Das Designteam Kazinoti&Komenda verwandelte sie in 640 Punkte.
Diese Punkte bilden Elemente zweier Quadrate und sollen sowohl die Zerstörung als auch das anschließende Zusammenfügen symbolisieren.
Die Stadt Vukovar erklärte bei der Vorstellung des Designs, dass genau damit die Idee dargestellt werden sollte, dass die Angriffe und Verwundungen Vukovars die Menschen letztlich stärker miteinander verbunden hätten.
Damit wurde sogar aus der Zahl der Einschläge ein Teil der heutigen Identität des Denkmals.
30. Oktober 2020: Der Wasserturm wird neu eröffnet
Nach mehreren Jahren Bauzeit war es schließlich soweit.
Am 30. Oktober 2020 wurde der restaurierte Vukovarer Wasserturm feierlich eröffnet.
Und auch bei dieser Zeremonie spielte die Geschichte der Flagge von 1991 wieder eine Rolle.
Die kroatische Staatsflagge wurde auf dem Turm von Krešimir Džalto gehisst.
Er ist der Sohn des inzwischen verstorbenen Vukovarer Verteidigers Hrvoje Džalto, der gemeinsam mit Ivica Ivanika während der Kämpfe immer wieder die Flagge auf dem Turm erneuert hatte.
Damit wurde eine direkte Verbindung zwischen 1991 und dem restaurierten Denkmal hergestellt.
Fast drei Jahrzehnte später wehte an derselben Stelle wieder eine Flagge.
Diesmal jedoch nicht über einer umkämpften Stadt.
Sondern über einem wiederaufgebauten Vukovar.
Warum die Einschusslöcher bleiben mussten
Gerade dieser Punkt ist für mich entscheidend, wenn man verstehen will, warum der Wasserturm heute so stark wirkt.
Man hätte ihn neu verputzen können.
Man hätte die gesamte Außenhülle rekonstruieren können.
Dann wäre er vielleicht schöner gewesen.
Aber er hätte einen Teil seiner Bedeutung verloren.
Die beschädigte Oberfläche erzählt die Geschichte, ohne dass man zunächst eine Tafel lesen muss.
Man sieht:
Hier ist etwas passiert.
Man sieht gleichzeitig:
Das Bauwerk steht trotzdem noch.
Genau diese Kombination aus Beschädigung und Weiterbestehen machte den Wasserturm zum Symbol.
Nicht seine ursprüngliche Architektur.
Nicht seine Höhe.
Und nicht seine Funktion als Wasserspeicher.
Sondern das, was mit ihm geschah.
Erinnerung – aber auch eine Botschaft für die Zukunft
Bei solchen Orten besteht immer die Gefahr, dass Erinnerung ausschließlich rückwärtsgewandt wird.
Interessant ist deshalb, wie die heutige Gedenkstätte ihre eigene Aufgabe beschreibt.
Der Wasserturm soll die Erinnerung an die Opfer und die Geschichte des Domovinski rat bewahren.
Gleichzeitig formuliert die Institution ausdrücklich das Ziel, Besuchern eine Botschaft von Frieden und Toleranz mitzugeben.
Auch die heutigen Verhaltensregeln sind bemerkenswert eindeutig.
Der Wasserturm sei ein Ort des Gedenkens und dürfe kein Ort für politische Kampagnen, Hassrede oder Diskriminierung sein.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Geschichte zu erinnern bedeutet nicht, Hass an die nächste Generation weiterzugeben.
Man kann an Opfer erinnern.
Man kann über Verantwortung sprechen.
Man kann die Geschichte eines Krieges erzählen.
Und trotzdem daraus den Anspruch ableiten, dass sich solche Ereignisse nicht wiederholen dürfen.
Heute ist der Turm zugleich Gedenkort und Wahrzeichen
Der Wasserturm besitzt heute mehrere Funktionen gleichzeitig.
Er ist ein geschütztes Kulturgut.
Ein technisches Denkmal.
Ein Memorial des Domovinski rat.
Ein Aussichtspunkt.
Eine touristische Attraktion.
Und vor allem eines der bekanntesten Wahrzeichen Vukovars.
Inzwischen gehört der Vukovarer Wasserturm sogar der World Federation of Great Towers an – gemeinsam mit international bekannten Bauwerken wie dem Eiffelturm, dem Empire State Building oder dem Burj Khalifa.
Natürlich lässt sich seine Bedeutung nicht mit der Höhe dieser Gebäude vergleichen.
Gerade darin liegt aber etwas Besonderes.
Mit seinen gut 50 Metern ist der Vukovarer Wasserturm verhältnismäßig klein.
Seine Bedeutung hat mit Größe überhaupt nichts zu tun.
Vukovar ist heute mehr als 1991
Bei aller Bedeutung des Wasserturms sollte man noch etwas nicht vergessen.
Vukovar darf nicht ausschließlich auf Krieg und Zerstörung reduziert werden.
Die Stadt besitzt eine Geschichte, die Jahrhunderte weiter zurückreicht.
Barocke Architektur.
Die Donau.
Die Vučedol-Kultur.
Industriegeschichte.
Kultur.
Sport.
Und Menschen, die heute dort leben und ihre Zukunft aufbauen.
Der Wasserturm gehört zu Vukovar.
Aber Vukovar besteht nicht nur aus dem Wasserturm.
Vielleicht ist gerade deshalb seine heutige Form so passend.
Die Vergangenheit wurde nicht entfernt.
Aber um sie herum geht das Leben weiter.
Mein Fazit
Der Vukovarer Wasserturm wurde nicht gebaut, um ein Nationaldenkmal zu werden.
Er sollte Wasser speichern.
Doch 1991 verwandelten die Ereignisse in Vukovar ein gewöhnliches technisches Bauwerk in etwas vollkommen anderes.
640 direkte Treffer.
Eine schwer beschädigte Konstruktion.
Und eine kroatische Flagge, die immer wieder auf dem Turm erschien.
Das Bild blieb hängen.
Nach dem Krieg entschied man sich deshalb nicht dafür, diese Geschichte unter einer neuen Fassade zu verstecken.
Die Schäden blieben sichtbar.
Die Konstruktion wurde gesichert.
Der Turm wurde für Besucher geöffnet.
Und aus einem Kriegsrelikt entstand ein moderner Gedenkort.
Für mich liegt darin die eigentliche Stärke dieses Symbols:
Der Vukovarer Wasserturm steht nicht deshalb für Kroatien, weil er unverwundet geblieben wäre.
Er steht dafür, dass er trotz seiner Wunden stehen geblieben ist.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieses Bauwerk für so viele Menschen bis heute eine Bedeutung besitzt, die weit über Vukovar hinausgeht.
Quellen
Vukovarski vodotoranj – offizielle Gedenkstätte
Geschichte des Turms, Bauzeit 1963–1968, Höhe, Architekten, 640 direkte Treffer, Restaurierung und heutiger Status als geschütztes technisches und memoriales Kulturgut.
https://vukovarskivodotoranj.hr/vukovarski-vodotoranj-2/
Vukovarski vodotoranj – Hrvoje Džalto und Ivica Ivanika
Offizielle Darstellung der beiden Verteidiger, die während der Kämpfe immer wieder die beschädigte kroatische Flagge auf dem Turm ersetzten.
https://vukovarskivodotoranj.hr/2020/11/27/ponos-hrvatske-2020-simbol-hrvatskog-zajednistva/
Grad Vukovar – Restaurierung des Wasserturms
Informationen über die Konservierung, die erhaltene beschädigte Außenstruktur sowie Panoramaaufzug, Memorialstrecke und weitere Bestandteile der Wiederherstellung.
https://www.vukovar.hr/gradske-vijesti/224-uo-za-opce-poslove-i-ured-gradonacelnika/9467-18-sjednica-gradskog-vijeca-grada-vukovara?rCH=2
Grad Vukovar – Eröffnung am 30. Oktober 2020
Dokumentation der Wiedereröffnung und des Hissens der kroatischen Flagge durch Krešimir Džalto.
https://www.vukovar.hr/gradske-vijesti/224-uo-za-opce-poslove-i-ured-gradonacelnika/14953-svecano-otvoren-vukovarski-vodotoranj-simbol-hrvatskog-zajednistva
Grad Vukovar / Vukovarski vodotoranj – Visuelle Identität
Erklärung der 640 Punkte im heutigen Logo als Symbol für die direkten Treffer auf den Turm.
https://vukovarskivodotoranj.hr/2020/12/04/sto-predstavlja-nas-logo/
Policijska uprava vukovarsko-srijemska
Historische Angaben zur Schlacht um Vukovar vom 25. August bis zum 18. November 1991.
https://vukovarsko-srijemska-policija.gov.hr/vijesti/dan-sjecanja-na-zrtvu-vukovara-1991-2021/19660

